60. Lindauer Psychotherapiewochen 2010

Veranstalter: Vereinigung für psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung e.V.

Grußwort des Bundesministers für Gesundheit, Dr. Philipp Rösler
Dr. Philipp Rösler, Bundesministers für Gesundheit

Die lange Tradition und die große Resonanz, die die Lindauer Psychotherapiewochen seit 60 Jahren erfahren, sind für mich ein Symbol der hohen Fortbildungsbereitschaft unter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Für dieses Engagement möchte ich ihnen meine Anerkennung aussprechen. Ihr Einsatz garantiert, dass Patientinnen und Patienten stets auf der Höhe des wissenschaftlichen Fortschritts behandelt werden können.

In den vergangenen Jahren ist in Deutschland, aber auch in vielen anderen europäischen Staaten das Bewusstsein für die große Bedeutung der psychischen Gesundheit gewachsen. Die Zahl der psychischen Erkrankungen macht zudem einen stetig wachsenden Anteil am Krankheitsgeschehen aus. Das geht aus der Gesundheitsberichterstattung von Bund und Ländern und aus den Statistiken der Sozialversicherungen hervor. Epidemiologischen und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zufolge könnten Individualismus und das zunehmende Leistungsdenken der modernen Industriegesellschaften Gründe dafür sein, dass viele Menschen dem sozialen Druck nicht mehr Stand halten können und demzufolge Depressionen oder Abhängigkeitserkrankungen zunehmen. Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen ist das diesjährig gewählte Schwerpunktthema der ersten Tagungswoche "Identitäten" hochaktuell.

Die Lindauer Psychotherapiewochen versprechen also auch in diesem Jahr spannende Referate, Diskussionen und zahlreiche Impulse für Ihre tagtägliche psychotherapeutische Arbeit. Ich wünsche allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwei anregende und aufschlussreiche Tagungswochen am Bodensee.

Dr. Philipp Rösler
Bundesministerium für Gesundheit


1. Tagungswoche: Identitäten

Sonntag, 18. April, bis Freitag, 23. April 2010

Vieles spricht dafür, dass heute um die eigene Identität mehr gerungen werden muss als früher. Viele Menschen klagen, dass sie sich zwischen den vielen Rollen zerrissen fühlen und nicht mehr zu sich selbst "finden" oder sich in den Anforderungen "verlieren". Das "Rauhbein" in der Firma soll zuhause der liebevolle Vater sein. Die zuverlässige Mutter soll im Beruf als Kollegin stets verfügbar sein. Gesellschaftlich sind entsprechend der unterschiedlichen Kontexte eher mehrere Identitäten gefordert, um die vielen Rollen erfüllen zu können. Gewünscht ist also nicht nur der "flexible Mensch", sondern vielleicht sogar der "multiple Mensch" mit seinen besonderen Anpassungsleistungen. Die individuelle Entwicklung des Selbst ist deshalb mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die klar konturierten Vorbilder und die kantigen Autoritäten mit sicherem Profil existieren so nicht mehr. Identifikationslinien gehen über die Generationen hinweg verloren. Welches der vielen realen und virtuellen Vorbilder ist für mich tauglich? Für Kinder und Jugendliche ist es oft die Qual der Wahl bei den Optionen, die ihnen zur Verfügung stehen und Entwicklungsprozesse zur Identitätsfindung bis über die Postadoleszenz hinaus verzögern. Noch nie haben junge Erwachsene so viel Zeit benötigt, um ihren Weg selbständig zu gehen. Sich selbst treu zu bleiben setzt voraus, dass man eine eigene, abgegrenzte, persönlich stimmige Identität entwickeln kann, die sich aber auch in ständiger Entwicklung befindet. Von diesen normalpsychologischen Veränderungen abzugrenzen sind die klinischen Krankheitsbilder. Wenn schwierige Kindheitskonstellationen die Entwicklung eines "falschen Selbst" notwendig machten, haben die Patienten größte Schwierigkeiten, ihr eigenes Selbst zu entdecken. Strukturell kann sich dies als Identitätsdiffusion oder als Persönlichkeitsstörung niederschlagen. Bei Identitätsstörungen sind psychotherapeutische Prozesse notwendig, die den Patienten über längere Zeit begleiten, um neue, für ihn günstigere Entwicklungen anzustoßen und zu verfestigen. Kreative Medien helfen bei der Identitätsfindung. Auch die Behandlung in Gruppen kann über das Spiegeln der eigenen Persönlichkeit durch die Anderen hilfreich sein. Die klinischen Krankheitsbilder und die entsprechenden psychotherapeutischen Ansätze sollen in Vorlesungen und Seminaren auf dieser Tagung vorgestellt und diskutiert werden.


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Apfelblüte Apfelblüte Apfelblüte


2. Woche: Erinnern und Vergessen

Sonntag, 25. April, bis Freitag, 30. April 2010

Unsere Erinnerungen an bestimmte Erfahrungen sind im hohen Maße variabel, verändern sich leicht durch die jeweils vorherrschenden Emotionen und der mit ihnen verbundenen Bedeutung und können sich jederzeit neuen Gegebenheiten anpassen. Wir können auch vergessen, um anderes besser zu erinnern. Das Gedächtnis verbindet Einzelheiten zu einem Ganzen und entscheidet unter anderem darüber, wie vergangene Ereignisse die Zukunft beeinflussen. Das Gedächtnis kann verstanden werden als die biologische Speicherung von Erfahrungen, die als Erinnerungen aktiv rekonstruiert und auch vergessen werden können.
Die heutigen Forschungen zum Gedächtnis, zum Erinnern und Vergessen faszinieren die Naturwissenschaften und die Kulturwissenschaften, und so werden wir das Thema auch aus diesen verschiedenen Perspektiven beleuchten. Jedes Gefühl für uns selbst und für andere, die Fähigkeit, über uns und über unsere Beziehungen zu anderen nachzudenken und sie in Worte zu fassen - wir verdanken alles unserem Gedächtnis und der Möglichkeit zu erinnern und zu vergessen. Wir Menschen sind aber auch Erinnerung: individuell in Form autobiografischer Erinnerungen, kulturell im Sinne eines kollektiven Gedächtnisses, das unser Gewordensein als jeweilige Gesellschaft und die Auseinandersetzung mit diesem Gewordensein regelt.
Psychodynamisch gesehen haben wir es mit einer unbewussten Dimension der Erinnerung zu tun. In der Psychotherapie setzen wir uns mit jenen Aspekten der Vergangenheit auseinander, die unsere Gegenwart und unsere Zukunft in einer schwierigen Weise beeinflussen und die wir nicht vergessen können. Im therapeutischen Gespräch werden Erinnerungen in Form von Erzählungen über die eigene Geschichte gemeinsam konstruiert und durchgearbeitet und damit ergibt sich die Möglichkeit, zu vergessen, was man vergessen kann, um die Zukunft in einer freieren, offeneren Form antizipieren zu können. Andererseits: das einzige Mittel gegen das Vergessen ist die Erinnerung. Auch wenn wir heute immer mehr wissen über das Erinnern und das Vergessen - es bleibt doch immer geheimnisvoll und ein zentrales Thema für die Psychotherapie.


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Tagungstermin 2011

61. Lindauer Psychotherapiewochen 2011

1. Woche: Sonntag, 17. April, bis Freitag, 22. April 2011
"Trotz allem: Liebe"

2. Woche: Sonntag, 24. April, bis Freitag, 29. April 2011
Trotz allem: Familie"


Veranstalter: Vereinigung für psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung e.V.

Programm: ab Januar 2011

Programm

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