60. Lindauer Psychotherapiewochen 2010
Wir möchten Sie herzlich einladen im April 2010 an den 60. Lindauer Psychotherapiewochen teilzunehmen.
Jede Woche steht unter einem eigenen Leitthema. In den Plenarvorträgen, durchlaufenden Vorlesungen, aber auch in kleineren, intensiveren Veranstaltungen wird dieses Thema aufgegriffen und unter verschiedenen Fragestellungen aufbereitet.
Veranstalter: Vereinigung für psychotherapeutische Fort- und Weiterbildung e.V.
1. Woche "Identitäten":
Sonntag, 18. April bis Freitag, 23. April 2010
2. Woche "Erinnern und Vergessen":
Sonntag, 25. April bis Freitag, 30. April 2010
Grußwort des Bundesministers für Gesundheit, Dr. Philipp Rösler
Die lange Tradition und die große Resonanz, die die Lindauer Psychotherapiewochen seit 60 Jahren erfahren, sind für mich ein Symbol der hohen Fortbildungsbereitschaft unter Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Für dieses Engagement möchte ich ihnen meine Anerkennung aussprechen. Ihr Einsatz garantiert, dass Patientinnen und Patienten stets auf der Höhe des wissenschaftlichen Fortschritts behandelt werden können.
In den vergangenen Jahren ist in Deutschland, aber auch in vielen anderen europäischen Staaten das Bewusstsein für die große Bedeutung der psychischen Gesundheit gewachsen. Die Zahl der psychischen Erkrankungen macht zudem einen stetig wachsenden Anteil am Krankheitsgeschehen aus. Das geht aus der Gesundheitsberichterstattung von Bund und Ländern und aus den Statistiken der Sozialversicherungen hervor. Epidemiologischen und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zufolge könnten Individualismus und das zunehmende Leistungsdenken der modernen Industriegesellschaften Gründe dafür sein, dass viele Menschen dem sozialen Druck nicht mehr Stand halten können und demzufolge Depressionen oder Abhängigkeitserkrankungen zunehmen. Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen ist das diesjährig gewählte Schwerpunktthema der ersten Tagungswoche "Identitäten" hochaktuell.
Die Lindauer Psychotherapiewochen versprechen also auch in diesem Jahr spannende Referate, Diskussionen und zahlreiche Impulse für Ihre tagtägliche psychotherapeutische Arbeit. Ich wünsche allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwei anregende und aufschlussreiche Tagungswochen am Bodensee.
Dr. Philipp Rösler
Bundesministerium für Gesundheit
1. Tagungswoche: Identitäten
Sonntag, 18. April, bis Freitag, 23. April 2010
Vieles spricht dafür, dass heute um die eigene Identität mehr gerungen werden muss als früher. Viele Menschen klagen, dass sie sich zwischen den vielen Rollen zerrissen fühlen und nicht mehr zu sich selbst "finden" oder sich in den Anforderungen "verlieren". Das "Rauhbein" in der Firma soll zuhause der liebevolle Vater sein. Die zuverlässige Mutter soll im Beruf als Kollegin stets verfügbar sein. Gesellschaftlich sind entsprechend der unterschiedlichen Kontexte eher mehrere Identitäten gefordert, um die vielen Rollen erfüllen zu können. Gewünscht ist also nicht nur der "flexible Mensch", sondern vielleicht sogar der "multiple Mensch" mit seinen besonderen Anpassungsleistungen. Die individuelle Entwicklung des Selbst ist deshalb mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Die klar konturierten Vorbilder und die kantigen Autoritäten mit sicherem Profil existieren so nicht mehr. Identifikationslinien gehen über die Generationen hinweg verloren. Welches der vielen realen und virtuellen Vorbilder ist für mich tauglich? Für Kinder und Jugendliche ist es oft die Qual der Wahl bei den Optionen, die ihnen zur Verfügung stehen und Entwicklungsprozesse zur Identitätsfindung bis über die Postadoleszenz hinaus verzögern. Noch nie haben junge Erwachsene so viel Zeit benötigt, um ihren Weg selbständig zu gehen. Sich selbst treu zu bleiben setzt voraus, dass man eine eigene, abgegrenzte, persönlich stimmige Identität entwickeln kann, die sich aber auch in ständiger Entwicklung befindet. Von diesen normalpsychologischen Veränderungen abzugrenzen sind die klinischen Krankheitsbilder. Wenn schwierige Kindheitskonstellationen die Entwicklung eines "falschen Selbst" notwendig machten, haben die Patienten größte Schwierigkeiten, ihr eigenes Selbst zu entdecken. Strukturell kann sich dies als Identitätsdiffusion oder als Persönlichkeitsstörung niederschlagen. Bei Identitätsstörungen sind psychotherapeutische Prozesse notwendig, die den Patienten über längere Zeit begleiten, um neue, für ihn günstigere Entwicklungen anzustoßen und zu verfestigen. Kreative Medien helfen bei der Identitätsfindung. Auch die Behandlung in Gruppen kann über das Spiegeln der eigenen Persönlichkeit durch die Anderen hilfreich sein. Die klinischen Krankheitsbilder und die entsprechenden psychotherapeutischen Ansätze sollen in Vorlesungen und Seminaren auf dieser Tagung vorgestellt und diskutiert werden.
2. Woche: Erinnern und Vergessen
Sonntag, 25. April, bis Freitag, 30. April 2010
Unsere Erinnerungen an bestimmte Erfahrungen sind im hohen Maße variabel, verändern sich
leicht durch die jeweils vorherrschenden Emotionen und der mit ihnen verbundenen Bedeutung
und können sich jederzeit neuen Gegebenheiten anpassen. Wir können auch vergessen, um anderes
besser zu erinnern. Das Gedächtnis verbindet Einzelheiten zu einem Ganzen und entscheidet
unter anderem darüber, wie vergangene Ereignisse die Zukunft beeinflussen. Das Gedächtnis kann
verstanden werden als die biologische Speicherung von Erfahrungen, die als Erinnerungen aktiv
rekonstruiert und auch vergessen werden können.
Die heutigen Forschungen zum Gedächtnis, zum Erinnern und Vergessen faszinieren die Naturwissenschaften
und die Kulturwissenschaften, und so werden wir das Thema auch aus diesen verschiedenen
Perspektiven beleuchten. Jedes Gefühl für uns selbst und für andere, die Fähigkeit, über uns
und über unsere Beziehungen zu anderen nachzudenken und sie in Worte zu fassen - wir verdanken
alles unserem Gedächtnis und der Möglichkeit zu erinnern und zu vergessen. Wir Menschen
sind aber auch Erinnerung: individuell in Form autobiografischer Erinnerungen, kulturell im Sinne
eines kollektiven Gedächtnisses, das unser Gewordensein als jeweilige Gesellschaft und die
Auseinandersetzung mit diesem Gewordensein regelt.
Psychodynamisch gesehen haben wir es mit einer unbewussten Dimension der Erinnerung zu tun.
In der Psychotherapie setzen wir uns mit jenen Aspekten der Vergangenheit auseinander, die unsere
Gegenwart und unsere Zukunft in einer schwierigen Weise beeinflussen und die wir nicht
vergessen können. Im therapeutischen Gespräch werden Erinnerungen in Form von Erzählungen
über die eigene Geschichte gemeinsam konstruiert und durchgearbeitet und damit ergibt sich die
Möglichkeit, zu vergessen, was man vergessen kann, um die Zukunft in einer freieren, offeneren
Form antizipieren zu können. Andererseits: das einzige Mittel gegen das Vergessen ist die Erinnerung.
Auch wenn wir heute immer mehr wissen über das Erinnern und das Vergessen - es bleibt
doch immer geheimnisvoll und ein zentrales Thema für die Psychotherapie.
Darüber hinaus bieten wir ein breites Spektrum relevanter psychotherapeutischer Fort- und Weiterbildungsthemen in beiden Wochen, z.B. Behandlungstechniken, Gruppendynamik, Psychosomatik, Neurowissenschaften, Persönlichkeitsstörungen, Paar- und Familientherapie, KJPT, Bindung, EMDR, OPD, Balint-Gruppe und Balint-Guppenleitung, Antragstellung und Gutachterverfahren, Traumanalyse, KiP, Hypnose, Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training, Qigong, Atemtherapie, Funktionelle Entspannung, Konzentrative Bewegungstherapie, Feldenkrais, körperorientierte Psychotherapie, Familienstellen, Psychodrama, Musik- und Tanztherapie und vieles mehr…
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